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Quelle: LobbyControl e. V., 7. Okt 2010 http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2010/10/die-verbindungen-der-pro-stuttgart-21-initiativen/,
Kunstrasen-Initiativen oder alles echte Graswurzeln? In den letzten Tagen wird heiß darüber diskutiert, welche Verbindungen die Pro-Stuttgart 21-Initiativen zur Bahn oder anderen Projektträgern haben. Auslöser war ein Beitrag des Metronaut-Blogs. Die Süddeutsche Zeitung online hat gestern einen längeren Artikel dazu veröffentlicht – und es gibt weitere interessante Informationen zu den Verbindungen der Pro-Stuttgart 21-Initiativen.
Vorfeld-Organisationen
Wenig beachtet wurde unseres Wissens nach folgende Passage von der Webseite der Intiative "Bürger für Stuttgart 21":
" Die IG Bürger für Stuttgart 21 hatte in der letzten Woche das große Glück nicht nur am Lauftreff teil zu nehmen, sondern auch OB Schuster zu treffen, sowie ein kurzes Gespräch mit dem Innenminister Resch und unserem Ministerpräsident Mappus zu führen. [...] Als ein großes Highlight freuen wir uns im Oktober auf ein exklusives Treffen mit Bahnchef Grube. […]
Ich saß zusammen mit unserem Pressesprecher Gerald Holler, Johannes Bräuchle und Christian List am letzten Freitag zusammen mit 30 offiziellen der Stadt, des Stadtrates, des Gemeinderates, der Bahn, der Agentur für Arbeit, der IHK oder des Wirtschaftsrates zusammen. Es wurde festgelegt, dass es nun einen gemeinsamen Weg für Stuttgart 21 geben wird. Jedoch muss dieser Weg weiterhin aus der Bevölkerung heraus kommen. (Anmerkung LobbyControl: das ganze ist mit "Rückblick der KW37" überschrieben, also war es vermutlich Freitag, der 17.9.)
Der erste Teil zeigt zunächst die guten Kontakte zur Politik und zur Bahn, im zweiten Teil geht es noch weiter: das dort skizzierte Treffen deutet darauf hin, dass die Pro Stuttgart 21-Initiativen in eine gemeinsame Koordination mit der Politik, der Bahn und weiteren Unterstützern aus der Wirtschaft eingebunden sind. Christian List ist Vertreter der Initiative "Laufen für Stuttgart", Johannes Bräuchle von "proSIT 21". Mit der IG "Bürger für Stuttgart 21" haben sie sich neuerdings zum Bündnis "Wir sind Stuttgart21" zusammengeschlossen (weitere Details insbesondere zu Christian List siehe den Artikel in der Süddeutschen Zeitung).
Der oben zitierte Bericht über das gemeinsame Treffen legt auch nahe, dass es eine abgesprochene Strategie gibt, für die Pro Stuttgart 21-PR bürgernahe Initiativen nach vorne zu stellen zu fördern (oder vermeintlich bürgernahe Initiativen). Das heißt noch nicht, dass die Pro Stuttgart 21-Initiativen von der Bahn oder anderen Projektträgern beauftragt wären. Das ist möglich, aber bislang nicht belegt. Es kann auch sein, dass die Initiativen zunächst echt sind, aber gezielt durch Projektträger von Stuttgart 21 bzw. interessierte Kreise gefördert und instrumentalisiert werden. Wir haben zu dem Treffen und möglichen Absprachen mit der Bahn u.a. eine Anfrage an die IG “Bürger für Stuttgart 21″ gestellt. Für weitere Hinweise sind wir dankbar.
Update: Der Pressesprecher des Vereins "Bürger für Stuttgart 21", Gerald Holler, bestätigte der Nachrichtenagentur dapd, dass das Kommunikationsbüro der Bahn sowie die Stadt bei dem Treffen ihre Unterstützung zusagten. Die Bürger wurden mit Argumenten für das Projekt versorgt. Sie hätten Gutachten und Kontakt zu Architekten sowie Tunnelspezialisten erhalten. Die Befürworter-Webseiten würden seitdem zudem über Newsletter gepuscht. "Wir bekommen aber kein Geld", sagte Holler laut dpad. (Quelle: dapd-Meldung vom 5.10.2010)
Hintergrund:
* Zum Vergleich: Das ganze erinnert an das Vorgehen der Asphalt- und Baulobby im Straßenbau: Dort gibt es die "Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung" (GSV). Die GSV hilft Bürgerinitiativen pro Umgehungsstraßen (oder pro Tunnel, Brückenbauten etc.) bei der Pressearbeit, der Strategieentwicklung und der Kontaktanbahnung zu Straßenbauämtern und Entscheidungsträgern. Sie hat zudem in den letzten Jahren immer wieder die Proteste der Pro-Straßen-Bürgerinitiativen finanziell unterstützt. * Da aktuell mehrfach an den Skandal um verdeckte PR der Deutschen Bahn unter Bahnchef Hartmut Mehdorn erinnert wird, hier nochmal als Hintergrundmaterial unsere Enthüllungen dazu aus 2009 (http://www.lobbycontrol.de/blog/wp-content/uploads/die-verdeckte-einflussnahme-der-deutschen-bahn.pdf).
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Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung, 07.10.2010
Linguistik-Studie: Die deutschen Grundschulen integrierten vor 30 Jahren Kinder bildungsferner Familien besser als heute
Ganztagsschule“ und „Kita-Pflicht“ sind Zauberwörter, mit denen deutsche Politiker die Integrationskraft der Grundschulen beschwören. Sie wollen verhindern, dass ein Viertel aller Drittklässler in einen eklatanten Leistungsrückstand gerät. Die sogenannten Risikoschüler kommen überwiegend aus bildungsfernen Familien – auch in Brandenburg. Ende der dritten Klasse entsprechen ihre Kompetenzen nicht einmal den Minimal-anforderungen. Zudem werden Unterschicht-Kinder mit guten Leistungen in vielen Bundesländern von ihren Lehrern nachweislich bei der Bildungsempfehlung benachteiligt. Deutsche Grundschulen verstärken heute also die sozialen Differenzen, anstatt sie anzugleichen. Das war nicht immer so, belegt eine brisante Studie mit dem Titel „Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich“.
Gemeinsam mit drei Kollegen hat der Germanist Wolfgang Steinig erstmals die Schreibleistungen zweier Generationen verglichen. Das Fazit: Anfang der 70er Jahre vermochte das westdeutsche Schulsystem soziale Differenzen noch in großem Maße auszugleichen. Heute gelingt das nicht mehr. Doch man könne Lehrern keineswegs ein kollektives Versagen vorwerfen, schreibt der Siegener Professor. „Der Mangel an Chancengleichheit scheint systembedingt.“ Die Grundschule habe heute „in erheblichem Ausmaß die Fähigkeit eingebüßt, Unterschiede im Sprachgebrauch von Kindern unterschiedlicher Sozialschicht auszugleichen“.
1972 ließ Steinig 250 Viertklässler Aufsätze schreiben. 30 Jahre später wiederholte er den Versuch. Geschrieben wurde in den gleichen nordrhein-westfälischen Schulen. Gezeigt wurde derselbe zu diesem Zweck gedrehte amateurhafte Super-8-Film, den die Schüler in einem Aufsatz beschreiben sollten.
Das Ergebnis: 2002 haben die orthographischen Fehler um 77 Prozent zugenommen, inhaltlich sind die Texte dafür ansprechender. Sind Inhalte heute also wichtiger als die Form? Die Durchschnittszahlen täuschen. Schüler, die gut lesbare, interessante Texte schrieben, machten nur verhältnismäßig wenige Fehler, die Verfasser inhaltlich schwacher Texte um so mehr. Zugleich stammen die schwachen Aufsätze heute um ein Vielfaches häufiger von Kindern aus der Unterschicht als noch 1972. „Während die sprachliche Qualität ihrer Texte stagniert oder abnimmt, sind ihre Fehlerzahlen enorm angestiegen“, heißt es in dem Buch.
Mit seiner Studie zeigt Steinig, dass es 1972 noch keine größeren „schichtspezifischen Unterschiede“ am Ende der Grundschulzeit gab. „Damals gelang es der Schreibdidaktik in der Grundschule offenbar noch, die schriftlichen Fähigkeiten aller Schüler zu fördern.“ 30 Jahre später ist das Ergebnis ein anderes: „Die Texte zeigen sehr viel deutlicher, aus welcher sozialen Schicht die Familie eines Kindes stammt und welche Sekundarstufe es besuchen wird.“
Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens benötigen Schüler offenbar ein orthographisches Gerüst, um auch inhaltlich kreativ schreiben zu können.
Zweitens prägen selbstständiges Lernen und Kreativität heute den Unterricht. Doch je offener und unsystematischer Schreiben in der Schule vermittelt wird, desto häufiger müssen Eltern ihren Kindern die Regelhaftigkeit der Sprache zu Hause vermitteln. Eine Aufgabe, die bildungsferne Familien überfordert.
Dabei hat die Schriftlichkeit durch täglichen Computer- und Internet-Umgang extrem zugenommen. „Auch wenn ich es gern anders hätte, Rechtschreibung ist heute wichtiger denn je“, bestätigt Steinig im Gespräch, „sie wirkt als soziale Barriere und entscheidet über Schullaufbahn und beruflichen Erfolg“. In die Führungsetagen schaffe es nur, wer Orthographie und Kommasetzung beherrsche. „Die Rechtschreibung wird zur sozialen Markierung und dient als Kriterium für eine knallharte Auslese.“
Kinder aus bildungsnahen Familien sind von Anfang an im Vorteil. Sie sammeln schon vor der Einschulung Schreiberfahrungen, können ihren Namen schreiben, kennen Buchstaben, Leserichtung und erste Wörter. Kinder bildungsferner Familien geraten bereits in den ersten Schulwochen stark ins Hintertreffen. „Individuelles, an den Fähigkeiten eines Kindes orientiertes Lernen darf nicht dazu führen, dass schwächere Schüler in den ersten Schulwochen den Anschluss verlieren, weil sie zu wenig gefördert und gefordert werden“, erklärt der Linguist.
Als „Irreführung“ bezeichnet Steinig deshalb eine Didaktik, die Rechtschreibung in den ersten Schuljahren für „nicht so wichtig“ erklärt und am Ende der vierten Klasse als entscheidendes Argument für die Bildungsempfehlung in die Waagschale wirft. „Auf einmal sind Rechtschreibfehler als hartes Argument sehr gefragt, weil sie zählbar und juristisch überprüfbar sind.“
Bildungsferne Eltern lassen sich täuschen, wenn sie ihr Kind einschulen. Die Atmosphäre ist fast so locker und familiär wie in der Kita, die Lehrerin scheint nicht streng zu sein und zeigt für Schwächen viel Verständnis. Diese Eltern vertrauen der Schule, dass diese sich ausreichend um ihr Kind kümmere, so Steinig. Ein fataler Irrtum. Denn die Mittelschicht-Eltern greifen schon früh korrigierend ein. Sie bestehen zu Hause auf korrekter Rechtschreibung und ergänzen das lückenhafte Regelwissen aus der Schule.
Es sei schon eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die „linke, emanzipatorische Pädagogik“ seit den 70er Jahren Rechtschreibung in der Schule hinten an stellt. „Damit wollte sie den Unterschicht-Kindern entgegenkommen“, erläutert Steinig. „Man fürchtete, Kindern der Unterschicht ihre soziale Identität zu rauben, wenn man ihnen die Sprache der Mittelschicht aufzwingt.“ Mit dieser Rechtfertigung hat sich die Bundesrepublik jene Förderung schwacher Schüler gespart, die in anderen Ländern seit Jahrzehnten üblich ist.
Dabei spiegelt der Umgang mit schwachen Schülern sehr deutlich das jeweilige Menschenbild einer Gesellschaft. In demokratischen Verfassungen sollte man vermuten, dass es von der Aufklärung geprägt ist. Immerhin ist die Beherrschung von Lesetechnik und Rechtschreibung eine Grundvoraussetzung zur demokratischen Teilhabe. „Zum Beispiel gilt in asiatischen Ländern wie Vietnam: Jedes Kind kann alles“, fällt Steinig dazu ein. In Deutschland sei das heute nicht so eindeutig. „Gerade deshalb ist die Maxime ungerecht, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht und in seinem eigenen Tempo lernen zu lassen“, kritisiert der Germanist einen Hauptgedanken der Reformpädagogik. „Die vermeintlich wohlwollende Haltung gegenüber schwächeren Kindern vertieft den Graben.“
Steinigs Buch ist ein Novum, weil sich deutsche Soziologen, Pädagogen und Didaktiker seit 30 Jahren kaum noch für das Thema soziale Gerechtigkeit in der Schule interessiert haben. Ihr Fokus ist auf die Gruppe der Migrantenkinder und deren Zweisprachigkeit gerichtet.
Steinig kritisiert diese Verschiebung des Problems: „Der Risikoschüler von heute verliert den Anschluss nicht aufgrund seiner Migranten-Situation, sondern aufgrund seiner sozialen Herkunft.“ Die Zweisprachigkeit komme dann nur noch erschwerend hinzu, so der Experte für Deutsch als Zweitsprache.
Steinigs 400-Seiten-Buch besteht aus einer Fülle von Statistiken und nüchterner Analyse. Doch im Gespräch scheut der Germanist keineswegs, die gängigen Lehrwerke mit deftigen Worten zu kommentieren: Viele seien nichts als ein „Potpourri aus unsinnigen Aufgaben und Ausfüllbögen“. Ihnen liege eine Art „Pfingstwunder-Didaktik“ zugrunde. Rechtschreibung werde nur noch wie eine bittere Pille untergemischt. Dahinter stehe, dass der Schreiberwerb als Naturwüchsigkeit verstanden werde. „Das ist Quatsch. Schreiben ist eine Kulturtechnik, die man begreifen und dann üben muss.“ Wenn sich Kinder ihre eigenen Lernwege suchen, können sie auch falsch sein. Dann erfordert es einen größeren Aufwand, wieder in die richtige Spur zu kommen.
Deshalb warnt Steinig vor der verbreiteten Annahme, schwache Rechtschreibfähigkeiten würden sich von selbst auswachsen. Dazu gebe es keine wissenschaftlichen Belege. Steinigs Studie gibt vielmehr Anlass zu der Vermutung, dass Schüler, die zu spät Rechtschreibregeln erlernen, deutlich mehr Fehler machen.
Am Ende seiner empirischen Studie fordert Steinig die Politik mit deutlichen Worten auf, die Grundschulen in ihre Verantwortung zu nehmen. Der Unterricht müsse gründlich überarbeitet und Kinder bildungsferner Familien müssten in den ersten Jahren besonders intensiv gefördert werden. Damit will er keineswegs in die 70er Jahre zurück. „Schüler sollen sich wohlfühlen und Schule als einen anregenden Lernraum erfahren – ein Ziel, das heute wesentlich besser erreicht wird als früher. All dies ist ausdrücklich zu begrüßen!“, heißt es im letzten Kapitel. Auch die Anlauttabelle sei nicht per se zu verteufeln, dürfe aber nicht zentrales Medium sein, erklärt Steinig auf Nachfrage. Jahrgangsübergreifender Unterricht habe durchaus Vorteile, wenn er ausreichend viele „systematische Phasen“ integriere. Das Gleiche gelte für die Ganztagsschule, allerdings müsse sie dann auch mehr und qualitativ höhere Lernzeit zur Verfügung stellen. Bewährt habe sich beispielsweise ein Tutoren-Modell, bei dem stärkere Schüler schwächere unterrichten. Davon würden beide Seiten profitieren. Dringend nötig sei für alle Schüler mehr Lernzeit zum Automatisieren. Die Schreibregeln müssten nicht nur begriffen sondern auch trainiert werden, so Steinig. „Schule muss das ganz allein leisten können.“
Wolfgang Steinig, Dirk Betzel, Franz Josef Geider, Andreas Herbold: Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich. Texte von Viertklässlern aus den Jahren 1972 und 2002. Waxmann Verlag, Münster 2010. 412 Seiten, 34,90 Euro (Von Nathalie Wozniak)
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Pater Klaus Mertes SJ, Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, im Gespräch zu seinem Buch und den Herausforderungen runf um Schulen.
Quelle: Inforadio, 16. September 2010 Inforadio-Website mit Podcast
"Schule ist für Schüler da"
Die Leiter zweier Jesuitenschulen, Klaus Mertes SJ und Johannes Siebner SJ, befassen sich in einem neuen Buch mit dem Thema sexueller Missbrauch an Schulen. "Schule ist für Schüler da". Mertes und Siebner schreiben über die verschiedenen Rollen von Schule und Elternhaus trotz des gemeinsamen Erziehungsauftrags. Sie vertreten die These, dass Vertrauen die Grundlage für eine gelingende Pädagogik und eine gute Schulpolitik sei. Dieses Vertrauen werde durch sexuellen Missbrauch brutal verletzt und ausgenutzt. Mit Klaus Mertes sprach Margarete Steinhausen.
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Während Staatsanwälte Untersuchungen gegen Mitglieder des Telekom Top-Managements wegen des Verdachts der Bestechung führen, laufen fast unbemerkt zeitgleich die Verhandlungen gegen die Hauptangeklagten der Telekom-Bespitzelungsaffäre.
Einen interessanten Artikel zu dem aktuellen Prozessverlauf hat ZEIT ONLINE veröffentlicht.
Quelle: ZEIT ONLINE, 3.9.2010
Spitzelaffäre
Hauptangeklagter belastet Ex-Telekom-Chef
Der einstige Konzernchef Ricke wusste offenbar früh von dem Plan, Mitarbeiter, Gewerkschafter und Journalisten zu bespitzeln. Nun drohen dem Ex-Manager neue Ermittlungen.
Zwei Jahre lang bespitzelte die deutsche Telekom Mitglieder des eigenen Aufsichtsrats, Gewerkschafter und Journalisten. 2005 und 2006 wurden rund 50 Personen – unter ihnen ver.di-Chef Frank Bsirske – über ihre Telefonverbindungsdaten ausgespäht. Nach der ersten Aussage des Hauptangeklagten Klaus T., dem ehemaligen Sicherheitschef der Telekom, steht nach dem ersten Prozesstag nun Ex-Konzernchef Kai-Uwe Ricke wieder im Fokus der Justiz. Ricke soll bereits wesentlich früher als bisher bekannt in die Bespitzelungspläne eingeweiht gewesen sein. T. gab zu Protokoll, er haben Ricke bereits im Januar 2005 in einem Vier-Augen-Gespräch vorgeschlagen, die Telefondaten von mutmaßlichen Insidern zu erfassen – ein klarer Rechtsverstoß. Ricke hätte demnach die illegalen Schnüffelmethoden schon damals verbieten können.
Der ermittelnde Staatsanwalt Ulrich Keuser will der neuen Spur nachgehen: "Falls das stimmt, könnten die Ermittlungen gegen Ricke wieder aufgenommen werden." Er werde viele Fragen an T. haben, wenn die Verhandlung nächsten Freitag weitergeht.
T. bekannte sich "uneingeschränkt" zu seiner Verantwortung für die Datenauswertung. Der frühere Sicherheitschef der Telekom betonte jedoch, er habe dies nicht getan, "um jemanden zu schädigen", sondern um Schaden vom Konzern abzuwenden. Den Vorwurf, Telekom-Vermögen veruntreut zu haben, wies er zurück.
Angeklagt sind insgesamt drei frühere Konzernmitarbeiter und der Chef einer externen Berliner EDV-Firma. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen den gemeinschaftlichen Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz vor sowie die Verletzung des Fernmeldegeheimnisses. Sie sollen vom damaligen Telekom-Chef Ricke beauftragt worden sein, eine undichte Stelle im Aufsichtsrat zu ermitteln. Die Telekom-Führung war 2005 fieberhaft auf der Suche nach einem Insider, der Interna an die Presse weitergab. Ricke hatte deshalb die Konzernsicherheit mit der Suche nach dem Informanten beauftragt.
Mit dem Prozess begann die juristische Aufarbeitung einer der größten Datenschutzskandale in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie lang das Verfahren dauert, ist bislang noch nicht absehbar. Das Landgericht setzte bislang insgesamt zwölf Verhandlungstermine bis Ende Oktober an. Die ersten Zeugen sollen ab Mitte September aussagen. Auch Ricke und Ex-Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Zumwinkel werden am 6. Oktober aussagen müssen.
Gegen beide Manager hatte die Justiz im Zuge der Spitzelaffäre ebenfalls ermittelt. Die Staatsanwaltschaft hatte dies jedoch im Juni eingestellt. Sie hatte Ricke und Zumwinkel verdächtigt, die Ausspäh-Aktionen in Auftrag gegeben zu haben. Dies konnte den Managern jedoch nicht nachgewiesen werden. Nun könnten die Ermittler einen neuen Versuch unternehmen.
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Wirtschafts-, Sozial-, Politik- und Kommunikationswissenschaftler messen der Corporate Responsibilty (CR) von Unternehmen weiter wachsende Bedeutung bei. Corporate Responsibility oder Unternehmensverantwortung beschreibt den Grad des Verantwortungsbewusstseins eines Unternehmens in Bezug auf die Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf die Gesellschaft, die Mitarbeiter, die Umwelt und das wirtschaftliche Umfeld. In einer Zeit, in der Arbeitgeber sich auf stärkeren Wettbewerb um qualifizierte, engagierte Mitarbeiter einstellen, und in der Kunden und Partner immer stärker auf gelebte Verantwortung von Unternehmen achten, wird der Grad der jeweiligen Unternehmensverantwortung häufig zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Eine wichtige Rolle innerhalb der verschiedenen Faktoren, die insgesamt Corporate Responsibility bestimmen, spielt das Thema Datenschutz.
Immer mehr Unternehmen veröffentlichen Berichte über ihre Corporate Responsibility - und ein Abschnitt zum Thema Datenschutz ist für viele ein fester Bestandteil. Nachdem Corporate Responsibility Reports zunächst vor allem von größeren Unternehmen und Konzernen regelmäßig herausgegeben wurden, kommen mittlerweile auch immer mehr mittelständische Unternehmen dazu, CR zu einem nach innen und außen getragenen Thema zu machen. CR wird zum Unternehmenskapital, und Unternehmen, die das Gebot zu Transparenz missachten, schaden sich mittelfristig selbst.
Vom Saulus zum Paulus? Eine ganz besonders bemerkenswerte Entwicklung ist bei der Deutschen Telekom zu beobachten: Der Dienstleistungskonzern, der in der jüngeren Vergangenheit noch durch die sog. Bespitzelungsaffäre negative Schlagzeilen machte, glänzt seit diesem Jahr mit vorbildlichem Verhalten. Ein Auszug aus dem "Corporate Responsibility Bericht 2010" der Deutschen Telekom: "...Transparenz: Datenschutzbericht, Datenschutz-Homepage und "Open Book". Für die Telekom ist es besonders wichtig, das Thema Datenschutz transparent zu gestalten. Um der Öffentlichkeit Informationen rund um die Handlungsfelder Datenschutz und Datensicherheit zugänglich zu machen, veröffentlicht sie als erstes der DAX-30-Unternehmen jährlich einen Datenschutzbericht, der sämtliche Vorgänge im Konzern dokumentiert, die das Thema betreffen. ..." http://cr-bericht.telekom.de/site10/de/strategischer-ansatz/compliance/datenschutz-und-sicherheit/index.php
Auch die Deutsche Bahn AG, die für Verletzungen des Datenschutzrechts vor Kurzem eine Geldstrafe von mehr als einer Million Euro zahlen musste, bemüht sich Konsequenzen mit Außenwirkung zu ziehen. So hat der Transportkonzern in diesem Jahr einen "Datenschutz-Beirat" gegründet, der den Konzern-Vorstand in allen Fragestellungen von Datenschutz und Datensicherheit beraten soll.
Bedauerlicherweise sind nicht alle bereits "ertappten Sünder" so lernfähig: So tauchen die Begriffe Datenschutz und Datensicherheit in dem Kapitel "Verantwortung" der elektronischen Selbstdarstellung des in die Schlagzeilen gekommenen Einzelhandelsdiscounters Lidl nicht einmal auf.
Aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, oder?
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WAZ, 3. November 2007 Von Thomas Mader
Essen. "Das Glück der Unerreichbarkeit" heißt das neue Buch der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Darin empfiehlt sie, EMail und Handy bewusst regelmäßig abzuschalten. Von 2001 bis 2005 war Meckel Staatssekretärin für Medien in NRW. Heute leitet die 40-Jährige das Institut für Medien und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Quelle: http://www.miriammeckel.de/pdf/positionen/von/MM_WAZ_2007.pdf
Sie loben "Das Glück der Unerreichbarkeit". Aber auf meine Anfrage per Mail haben Sie innerhalb von zehn Minuten geantwortet.
Meckel: Das liegt daran, dass ich unterwegs war von Zürich nach Frankfurt. Und die Übergangszeit am Flughafen habe ich mit meinem BlackBerry genutzt (Anm.: ein E-Mail-fähiges Handy).
Haben Sie selbst schlechte Efahrungen mit Kommunikationsstress gemacht?
Meckel: Ich habe erfahren, dass Kommunikation in Stress umschlagen kann. Etwa wenn ich auf meinen BlackBerry geschaut habe, und dort waren in einer Stunde 40 Mails eingegangen. Dann habe ich gedacht: Wann und wie soll ich die alle beantworten, parallel zu den Telefonaten und den persönlichen Gesprächen. Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist nicht gut für mich.
Was haben Sie also getan?
Meckel: Ich habe versucht, Regeln zu schaffen. Ich habe denen ich Mails gesammelt beantworte.
In vielen Berufen ist man aber auf tagesaktuelle Kommunikation angewiesen.
Meckel: Ich habe gar nichts gegen schnelle Kommunikation. Die ist grundsätzlich nötig im Beruf. Aber ich plädiere für Regeln, die der Überlastung vorbeugen. Einige Unternehmen haben auch schon erkannt, dass die Mitarbeter sonst irre werden. Dort schafft man einen entsprechenden Kommunikationskodex: Wer muss wann wie erreichbar sein? In welcher Zeitspanne müssen E-Mails beantwortet werden. Wer darf in den Verteiler aufgenommen werden?
Viele können offenbar nicht so einfach abschalten?
Meckel: Klar, das liegt daran, dass Aufmerksamkeit unsere neue Währung ist. Wir tauschen permanent Beachtung unserer selbst gegen die Beachtung anderer aus. Wer am meisten Aufmerksamkeit bekommt, ist am wichtigsten.
Kinder wachsen mit dieser mehrgleisigen Kommunikation auf. Wird das negative Auswirkungen haben?
Meckel: Ich glaube, dass wir lernen, mit den Dingen umzugehen. Kinder haben bessere Voraussetzungen, aber auch sie müssen die notwendigen sozialen Fähigkeiten erlernen und mal abschalten. Kommunikation ist die Basis für so vieles in unserer Gesellschaft. Warum nicht auch in der Schule darüber nachdenken - etwa als Wahlpflichtfach?
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Über Cognitive Enhancement
Von Thomas Metzinger Deutschlandradio Kultur - 29.12.2009
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1094833/
Alle reden über Cognitive Enhancement, über neue Medikamente zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit. Der anhaltende Medien-Hype, die Diskussion über neue pharmazeutische Hilfsmittel zur Verbesserung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit hat mittlerweile ungeahnte Ausmaße erreicht.
Sollten wir angesichts neuer Generationen von Wachmachern und Klugheitspillen an unseren Schulen und Universitäten Urintests vor Prüfungen einführen? Wenn verlässliche, alltagstaugliche Stimmungsaufheller für Gesunde verfügbar werden, werden wir dann schlechte Laune oder das prämenstruale Syndrom am Arbeitsplatz immer mehr als Formen der Ungepflegtheit und Verwahrlosung wahrnehmen, ähnlich wie wir es heute schon bei starkem Körpergeruch tun?
Hätten Sie etwas dagegen, wenn ältere Mitbürger oder auch Ihre Arbeitskollegen ständig leicht unter Strom stünden und leicht aufgekratzt und in bester Laune unter dem Einfluss der nächsten Generation von Schlaumachern mit großem Eifer ihre Projekte verfolgten? Was hielten Sie von einer Anpassung des Geschlechtstriebs bei älteren Mitbürgern?
Ist es akzeptabel, wenn Soldaten - vielleicht auf einer ethisch zweifelhaften Mission - unter dem Einfluss von Psychostimulanzien und Antidepressiva kämpfen und töten, die eine posttraumatische Belastungsstörung schon im Ansatz unterbinden, gleichzeitig aber ihre natürlichen moralischen Gefühle wie Scham, Schuld oder die Fähigkeit zur Einfühlung in andere Menschen gehemmt werden?
Alle reden über Cognitive Enhancement, und mittlerweile besteht schon die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung - also, dass Menschen nur deshalb solche Substanzen ausprobieren, weil sie in reißerischen Medienberichten über "Brain-Doping" oder "Viagra fürs Gehirn" gehört haben. Wissenschaftler und Philosophen, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen, merken momentan immer deutlicher, dass die Medien ihre eigenen Interessen verfolgen und oft an einer nüchternen und sachlichen Diskussion überhaupt nicht interessiert sind.
Dabei ist mehr als unklar, wie gut diese Substanzen überhaupt funktionieren - beziehungsweise welche Aspekte von Kognition sie überhaupt verändern. Pillen die wirklich klüger machen, gibt es nicht. Es gibt keine Erkenntnisse zur Wirkung bei Gesunden, insbesondere nicht zu den Langzeitrisiken bei einer dauerhaften Einnahme, keine fundierte wissenschaftliche Risikoabschätzung. Deshalb ist klar, dass eine Freigabe solcher Substanzen für Gesunde ethisch verwerflich wäre: Eine Legalisierung ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach keine Option.
Aber eines ist genauso klar: In offenen Gesellschaften darf jeder entscheidungsfähige Mensch zunächst einmal mit seinem Körper und mit seinem Geist machen, was er will. Diese größtmögliche Freiheit für das Individuum kennzeichnet unseren liberalen Rechtsstaat, sie ist ein schützenswertes Gut. Das eigentliche Problem besteht darin, unser liberales Grundprinzip auf vernünftige und ethisch überzeugende Weise einzuschränken. Politische Entscheidungen können nur durch rationale Argumente und empirische Evidenzen fundiert werden. Weltanschauliche Gesichtspunkte dürfen keine Rolle spielen - etwa, dass Enhancement schon allein deshalb moralisch schlecht wäre, nur weil es "künstlich" ist. Oder dass das Ziel, die menschliche Natur zu verbessern, unethisch sei - als ob unsere geistige Begrenztheit ein Geschenk darstellte, das wir sozusagen von Gott erhalten haben und an dem wir nichts ändern dürfen. Selbsterkenntnis und die Optimierung der eigenen geistigen Fähigkeiten sind klassische philosophische Ideale, an ihnen ist per se nichts, was moralisch verwerflich wäre.
Wir sollten uns eine eher nüchterne Perspektive auf das Problem zu eigen machen und den Preis so gering wie möglich halten, den wir durch Tod, Sucht und andere psychosoziale Folgekosten zahlen müssen. Es geht jedoch nicht nur darum, wie wir uns selbst schützen sollen. Wir müssen auch den verborgenen Nutzen, den psychoaktive Substanzen für unsere Kultur bereithalten, so genau wie möglich feststellen, denn es kann durchaus im Interesse der Allgemeinheit liegen, wenn man auf diese Weise die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit anheben könnte, wie beispielsweise bei Notärzten, Piloten. Die naturalistische Wende im Menschenbild und die langsam zunehmende technische Kontrollierbarkeit geistiger Eigenschaft durch die moderne Neurotechnologie zwingt uns deshalb zu einer normativen Diskussion. Wir brauchen gute Philosophie und eine kritische Neuroethik.
Cognitive Enhancement einfach nur als neue Technologie zu sehen und in eine kapitalistische Verwertungslogik einzubetten, würde in den ultraschnellen Wettbewerbsgesellschaften des 21. Jahrhunderts mit Sicherheit zu vielen unerwünschten Folgen führen. Wir müssen uns deshalb fragen: Warum genau wollen und sollten wir unseren eigenen Geist überhaupt optimieren?
Hier ist eine Frage, die ich als Philosoph besonders spannend finde: Was würden wir eigentlich tun, wenn "moral enhancement" zu einer pharmakologischen Handlungsmöglichkeit würde, also die Verbesserung der eigenen ethischen Einsichtsfähigkeit und des moralischen Verhaltens, beispielsweise durch neue Medikamente, die nachweislich dazu führen, dass die Menschen sich prosozialer und altruistischer verhalten? Hielten wir es dann aus ethischen Gründen für geboten, das moralische Verhalten jedes Einzelnen zu optimieren?
Thomas Metzinger, Jahrgang 1958, studierte Philosophie, Ethnologie und Theologie. Philosoph, Prof. für theoretische Philosophie an der Universität Mainz. Hauptarbeitsgebiete sind Philosophie des Geistes, die Wissenschaftstheorie der Neurowissenschaften und die Neuroethik.
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